Neu-Ulmer Zeitung / 05.03.2010 / von Florian L. Arnold

Urwüchsige Typen und Wahlplakate

Thalfingen Der sparsame Dieter Hartmann beendet einen Malprozess damit, dass er übrig gebliebene Farbe auf weiße Leinwände vermalt, vertropft, verwischt. So ist das Ende des einen Malvorgangs zugleich der Beginn des Nächsten.

„Ich habe nie das Problem, vor einer leeren Leinwand stehen und den allerersten Strich finden zu müssen“, sagt Hartmann. Ausgehend von den Streifen und Flecken findet er auf alleatorischem Wege Gesichter, Körper und ganze Szenen, die mit kräftigen Farben und kindlich unbekümmertem Duktus „Verwandte, Bekannte und andere Typen“ darstellen, wie die Ausstellung in Manfred Bittners Thalfinger „Galerie auf der Insel“ noch bis zum 5. April zeigt.

Hartmann ist einer von Bittners zahlreichen Eleven der Roggenburger Malschule. Seit 1993, als er mit Aquarellfarben erste Schritte ins Terrain der Malerei unternahm, verfolgt Hartmann aufmerksam die Menschen um sich herum. In der Darstellung fand er relativ bald zu der auch in Thalfingen gezeigten Form. Alles Dogmatische ist Hartmann fremd. Mit seiner Kunst will er sich und den Besuchern seiner Ausstellungen einfach eine Freude machen und sie zum Schmunzeln bringen. Das gelingt ihm vor allem dort, wo sich aus den Farbwolken und -klecksen echte Typen herauskristallisieren oder wo er Befindlichkeiten mit karikierenden Mitteln ins Bild setzt.

Als ehemaliger Volksschullehrer hatte er selbst unkorrumpierbare „Lehrer“: seine Schüler. Die lebhafte, gestaltungsfreudige Art der Kinder beim Malen hat ihn in der jahrzehntelangen Arbeit als Lehrer wohl beeindruckt. Jetzt hält er sich an ein Rezept, dass er seinen Schülern zu geben pflegte: „Erzähle nur eine Geschichte auf einmal - und erzähle diese Geschichte gut“. Daraus resultieren Acrylgemälde, die sich selbst nicht zu wichtig nehmen, dabei aber durchaus Witz entfalten. Am deutlichsten wohl in der Jan van Leyden-Parodie „Die Schachpartie“ oder in der Wand mit den „Wahlplakaten“. Entsetzt über die Inhaltsleere der politischen Plakate setzte er einen satirischen Gegenpart; die Wahlslogans werden bei Hartmann mit Witz auf das Eigentliche entblößt: „Wählt mich“, „Nur ich“ und „Ich, ich, ich“. Der tönende, banale Wahlzirkus wird da auf schon beinahe schmerzliche Weise vor Augen geführt.

Im kabinettartigen Flurbereich zeigt Hartmann grafisch ausgerichtete Arbeiten. Manches davon ist gerade mal dekorativ. Einige Blätter aber finden zu reifer, sublimer Reduktion.

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